Die Stadt hatte viele Namen, je nachdem, wen man fragte. Für Touristen war sie ein Neontraum. Für die Polizei eine Statistik. Für die Armen ein Labyrinth aus Beton. Für Schattenbezirk war sie etwas viel Einfacheres: ein Konto.
Wenn Oliver nachts über die Dächer sah, wirkte alles wie ein Schachbrett. Straßen als Linien, Viertel als Felder, Menschen als Figuren. Und irgendwo dazwischen: Geld, Zement, Stahl und Nahrung. Rohstoffe, die in keiner Zeitung standen, aber jede Schlagzeile ermöglichten.
Im Hauptquartier brummten die Generatoren. Nicht, weil es kalt war, sondern weil Macht Geräusche machte. Auf den Bildschirmen liefen Zahlenkolonnen: Produktion, Lager, Marktpreise. Eine Rangliste, die sich im Takt einer Stunde neu ordnete, als wäre die Stadt selbst ungeduldig.
Rocco war bereits da, wie immer zu früh und zu still. Er lehnte am Kartentisch, auf dem die Viertel der Stadt als farbige Flächen markiert waren.
Oliver trat an den Tisch. Auf dem Display stand sein Name – Platz drei. Neben ihm ein grünes [+2]. Zwei Plätze hoch. Zwei Rivalen unter ihm. Zwei Gründe, warum heute jemand versuchen würde, ihm das Genick zu brechen.
„Wer ist gefallen?“ fragte Oliver.
Rocco tippte auf eine Zeile. „Die Carmines. [-3]. Zu viel in Stahl investiert, zu wenig Nahrung für die Jungs. Du weißt, wie das endet.“
Oliver nickte. Nahrung war keine Zahl. Nahrung war Bewegung. Ohne Nahrung keine Späher, keine Überfälle, keine Schatten auf fremden Dächern. Wer das vergaß, blieb irgendwann stehen – und wer stehen blieb, wurde überrollt.
Der Schwarzmarkt war das Herz, das nie pausierte. Dort wurden keine Waren gekauft, sondern Entscheidungen. Ein zu günstiger Preis war eine Falle. Ein zu teurer ein Zeichen von Panik. Und Panik war wie Blut in einem Becken voller Haie.
Vier Blöcke leuchteten auf: Geld, Zement, Nahrung, Stahl. Angebote, Preise, Mengen. Ein Klick, und ein kleines Imperium wechselte den Besitzer.
„Kauf keinen Stahl“, sagte Rocco plötzlich.
„Warum?“
„Weil die Carmines gefallen sind“, antwortete Rocco. „Und wenn sie fallen, verkaufen sie ihre Restbestände. Der Preis wird kurz runtergehen, bevor er explodiert.“
Oliver lehnte sich zurück. Das war der Unterschied zwischen einem Boss und einem Spieler. Spieler reagierten. Bosse setzten Trends.
Zement war mehr als Material. Zement war Zukunft: Lager erweitern, Produktionshallen ausbauen, Viertel sichern. Wer nur auf den Markt starrte, merkte zu spät, dass jemand die Fundamente austauschte.
In diesem Moment vibrierte das Telefon. Eine Nachricht. Kurzer Text, keine Grüße. Späher gesichtet. Hafenviertel. Unbekannt.
Rocco las den Zusatz: „Syndikat der Vipers. Platz fünf. Neben ihnen steht [+1].“
Oliver lächelte dünn. „Sie wollen wissen, wie Platz drei riecht.“
„Wollen sie einen Überfall?“ fragte Rocco. „Oder nur Angst verkaufen?“
Oliver dachte an Nahrung. An die Einheiten, die er losschicken konnte. Spionage war billig, aber nie kostenlos. Jede Bewegung kostete etwas, das niemand sah: Vertrauen. Zeit. Leute.
Rocco verzog das Gesicht. „Urlaubsmodus ist Feigheit.“
„Urlaubsmodus ist Kontrolle“, sagte Oliver. „Wenn ich ihnen jetzt die Tür öffne, spielen sie mit unseren Reaktionen. Wenn ich die Tür schließe, müssen sie sich entscheiden, ob sie wirklich reinwollen.“
Auf dem Benutzerprofil leuchtete es nüchtern wie ein Gesetzestext: Urlaubs-Modus (X/6 innerhalb 30 Tage). Sicherheit für Truppen. Keine Produktion. Handel gesperrt.
Er setzte den Haken. Aktiviert. Und klickte auf Speichern.
In derselben Sekunde war der Schwarzmarkt für ihn tot. Keine Deals. Keine schnellen Lösungen. Nur das, was er bereits aufgebaut hatte.
„Und wenn sie angreifen?“ fragte Rocco.
Oliver sah wieder auf die Rangliste. Platz drei. [+2]. Das Grün fühlte sich plötzlich nicht mehr wie ein Preis an, sondern wie ein Ziel auf seiner Stirn.
Draußen fuhr ein Polizeiwagen vorbei, Blaulicht kurz im Regen, dann verschwunden. Die Stadt tat so, als würde sie aufpassen. Doch jeder wusste: Der echte Schutz kam aus Beton, Stahl und Entscheidungen, die niemand sah.
Rocco grinste. „Und was verkauft diese Firma?“
Oliver sah hinaus in den Regen, auf die Straßen, die nie schliefen. „Die Illusion“, sagte er, „dass jemand anders die Kontrolle hat.“
Fortsetzung folgt.